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Zum Nachlesen:
Der Demjanjuk-Prozess

Wortprotokoll der Gerichtsverhandlung
gegen John Demjanjuk vor dem LG München



Aktuelles

Das komplette Wortprotokoll im Auszug



Tagesprotokoll

 30.11.2009    01.12.2009  
 12.01.2010  


Pressemeldungen

Eine Zusammenstellung ausgewählter Berichte folgt

Porträts der Nebenkläger


"Kein Tag vergeht, an dem ich nicht an die Schoah denke"




Porträts der niederländischen Nebenkläger

/ Die meisten niederländischen Nebenkläger ziehen nach München, um ihre in Sobibor ermordeten Eltern zu vertreten. Es sind jedoch auch Nebenkläger da, die sowohl ihre Eltern, als auch ein Geschwister in Sobibor verloren haben. Es gibt einen Nebenkläger, dessen junge Frau im Vernichtungslager umgebracht worden ist. Einige unter den Nebenklägern haben nicht nur ihre Verwandten verloren, sie waren auch selber in einem Konzentrationslager, oder gar in mehreren.



Rob Cohen (83) war bei Kriegsende neunzehn Jahre alt. Er verbrachte über zwei Jahre in Konzentrations- und Vernichtungslagern, unter ihnen Auschwitz-Birkenau: "Ich habe gesehen, wie unbarmherzig die Mordmaschine der Nazis funktionierte. Das übersteigt jegliche menschliche Vorstellungskraft, und jeder, der an diesen Massakern beteiligt war, sollte eine angemessene Strafe bekommen. Sollte ein deutsches Gericht eine solche Strafe über Demjanjuk verhängen, hätte Deutschland damit seine Rechtsstaatlichkeit bewiesen. Dass so viele Kriegsverbrecher ihrer Strafe entgehen konnten, werde ich mein Leben lang nicht hinnehmen können."

Vera de Jong-Simons (69) sieht sich gegenüber ihren umgebrachten Eltern und Verwandten in der Pflicht, jetzt, da noch ein Täter vor Gericht kommt, anwesend zu sein. Sie legt großen Wert darauf, dass möglichst viele Nebenkläger dem Prozess beiwohnen, damit der Prozess einer breiten Öffentlichkeit bekannt wird. Für sie persönlich spielt eine Rolle, "dass mir mein ganzes Leben lang meine Eltern fehlten. Ein in jeder Hinsicht sehr folgenreiches Fehlen. Und auch die Tatsache, dass ich mir darüber bewusst war, dass meine Eltern, meine Großeltern und meine Tante auf eine so unmenschliche Weise umgebracht worden sind."

Rudie Cortissos (70) zieht als Nebenkläger nach München, damit er ein kleines bisschen Genugtuung empfindet. Auch meint er, die Welt sollte wissen, dass die Kinder der Ermordeten sich tagtäglich damit auseinanderzusetzen haben. "Ja, damit ich mich selber damit konfrontiere, deshalb gehe ich hin. Ob das ohne Tränen abläuft, ist fraglich. Aber auch große Jungs dürfen ja weinen."

Maurits Koopman (85) wird in München seine in Sobibor ermordeten Eltern vertreten. "Als ich einem kleinen Hitlerjungen das Leben gerettet hatte, bin ich zur Zentralstelle gegangen und hab'dort nachgefragt, welchen Wert denn das Leben einer jüdischen Familie wohl habe gegenüber dem Leben eines deutschen Jungen? Auf diese und andere Weise habe ich meine Eltern ein paar Mal vor der Verschleppung retten können, immerhin waren sie schon elfmal in ihrer Wohnung abgeholt worden. Schließlich wurden sie jedoch mit ihrer ganzen Familie nach Vught, ins Konzentrationslager Herzogenbusch abtransportiert. April 1943 war für sie das Aus. Ich habe Auschwitz überlebt und einige andere Lager, nur aufgrund meines Glücks, nicht dank eigener Fähigkeiten oder Kenntnisse. Ich habe mich als Nebenkläger gemeldet, damit ich meine Eltern vertreten kann, es ist ja das Allerletzte, was ich für sie tun kann. Ihr Grab habe ich ja nie pflegen können, denn sie haben keins." Zum Prozess geht er nicht, das würde er weder körperlich noch seelisch verkraften, was allerdings die Bedeutung, die der Prozess für ihn hat, nicht schmälert: "Nach zwei schrecklichen Weltkriegen, in denen Deutschland die Hauptrolle spielte, ist das Land endlich zum demokratischen Staat geworden und da möchte ich mich an einem gerechten Prozess beteiligen."

Louis van Velzen (74) dessen Eltern, Großvater, Großmutter und Tante in Sobibor ermordet wurden: "Ich sehe meinen Vater noch vor mir, wie er da am Tag, dass er nach Westerbork [ins sogenannte Durchgangslager] ging, am Fußende meines Bettes stand, mit seiner Brotdose in der Hand. 'Wirst Du Dich auch um Deine Mutter und Deinen Bruder kümmern?' Das habe ich ihm damals als Siebenjähriger versprochen, aber an das Versprechen habe ich mich ja nicht halten können. Deshalb bin ich jetzt Nebenkläger und werde ich auch in München dabei sein. Da war überhaupt kein Zweifel, ob ich gehen sollte oder nicht. Ich werde mir Mühe geben, ein bisschen tapfer zu sein, aber es werden Tränen fließen." Selber hat der Amsterdamer Louis dank einer Reihe von zehn Pflegefamilien und Untertauchadressen in der Provinz, in Twente und Brabant, überlebt. Von seinem Leben unter katholischen Knaben mit ihren Messdienerstreichen berichtet er detailliert und in leichtem Ton. "Als ich nach dem Krieg in Amsterdam bei einer Familie untergebracht wurde, war das meine schlechteste Adresse." Überhaupt ist der Ton positiv, nie nachtragend, oder rachsüchtig: die Welt wissen lassen, das Recht oder die Gerechtigkeit überwinden lassen, dies ist das Einzige, was ich noch für meine lieben Eltern machen kann. Frau Pim Combrink-van Huizen (79) erwähnt Schmerz, Verlassensein, Machtlosigkeit, Frust und Verlassensein, und "nicht zuletzt Klarheit darüber, was im Vernichtunsglager Sobibor geschehen ist - und das für alle Ewigkeit."

Jules Schelvis (88) verlor in Sobibor seine junge Frau und ihre ganze Verwandtschaft. Auch er wurde mit ihnen nach Sobibor deportiert, entkam jedoch dem Massenmord. Schelvis gehörte in Sobibor zu einer äußerst kleinen Gruppe von Deportierten, die nicht in die Gaskammer gebracht worden ist, sondern im Konzentrationslager Dorohucza zum Torfabbau gezwungen wurde. Er überlebte insgesamt sieben Konzentrations- und Vernichtungslager und schrieb darüber ein Buch: Binnen de Poorten. Im Revisionsverfahren gegen den SS-Schergen Karl Frenzel im Jahr 1985 war Schelvis Nebenkläger. Da hat er angefangen, Zeugnisse und Dokumente über das Vernichtungslager Sobibor zu sammeln. All das mündete schließlich in seinem Standardwerk Vernichtungslager Sobibór. 2008 verlieh die Universiteit van Amsterdam Jules Schelvis deshalb die Doktorwürde.

Rob Fransman (69) war am Ende des Krieges noch keine fünf Jahre alt. Er verlor in Sobibor beide Eltern, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen: "Mein Leben ist in jeder Hinsicht vom Krieg geprägt worden. Das frisst sich weiter im Leben meiner Kinder, vielleicht sogar im Leben meiner Enkel. Sowas kann man nicht exakt abschätzen. Sagen wir mal, es gibt noch eine unbeglichene Rechnung."

Jan Goedel (71) hofft, dieser Prozess werde zur Verarbeitung des großen Verlustes beitragen können. Er verlor beide Eltern und seine Großeltern, insgesamt über 30 ermordete Verwandte." Seine Eltern möchte er beim Prozess in München vertreten. "Auf diese Weise kann ich wenigstens noch ein kleines bisschen mich für sie einsetzen." Von großer Bedeutung ist für die meisten die Tatsache, dass Verbrecher vors Gericht kommen, wenn auch erst nach 65 Jahren.

Paul Hellmann (74): Paul Hellmann (74): "Meinen Vater habe ich nur sieben Jahre gekannt, all die Jahre danach hat er mir gefehlt - und zwar immer mehr, wo ich älter werde. Jetzt habe ich die Gelegenheit, ihn zu vertreten an einem Ort, wo ein Urteil über die unvorstellbaren Verbrechen aus der Vergangenheit ausgesprochen wird." Wie andere auch betont Hellmann, wie wichtig das Wissen vom Vernichtungslager Sobibor ist, gerade jetzt im Lichte der aktuellen Holocaust-Leugnung.

Mary Richheimer-Leijden van Amstel (70) hält es ihren ermordeten Eltern gegenüber für ihre moralische Pflicht, Nebenkläger zu sein. Sie will in München selber erleben, wie Demjanjuk vor Gericht steht.

Die zwei Schwestern von Rob Wurms (66) sind in Sobibor im Alter von 13 und 15 ermordet worden. Er hat sich dazu entschieden, Nebenkläger zu sein, weil es "fast das einzige ist, was ich für meine Schwestern noch machen kann." Er sieht die Bedeutung dieses Prozesses darin, dass er beitragen wird zur Erkenntnis, einen solchen Massenmord darf es nie wieder geben. Der Prozess sollte auch zeigen, dass Täter sich zu verantworten haben. "Ich war enttäuscht über die Prozesse in der Nachkriegszeit und über das Desinteresse so mancher staatlicher Instanz, deshalb habe ich jetzt die Pflicht, mich dafür einzusetzen, dass Recht und Gerechtigkeit eine Chance haben."

Lotty Huffener-Veffer (88) ist Nebenkläger, "weil sie meine Eltern und meine Schwester ermordet haben." Die Tatsache, dass es Leute gibt, die die Schoa leugnen, raubt ihr den Schlaf. Sollte Demjanjuk vor Gericht aussagen, was in Sobibor geschehen ist, so würde das möglicherweise diesen Holocaustleugnern das Handwerk legen. Als Nebenkläger lässt sie sich von einem Rechtsanwalt vertreten: "Ich werde dem Prozess nicht beiwohnen. Ich will nicht nochmal nach Deutschland gehen." Bei einer Razzia im Amsterdamer Stadtteil Oost konnte der elfjährige David van Huiden entkommen. Er verabschiedete sich von seinen Eltern, entfernte seinen Judenstern und ging seinen Hund - einen deutschen Schäferhund - ausführen. Seine Eltern, die zusammen mit seiner Schwester zwölf Tage nach der Razzia in Sobibor ermordet wurden, hatten sich darum gekümmert, dass nicht-jüdische Freunde ihn vorläufig aufnehmen würden. David hielt sich an mehreren Untertauchadressen auf, während er bis zum Ende auf ein Wiedersehen mit seinen Eltern und seiner Schwester hoffte. Als Nebenkläger möchte er die Aufmerksamkeit auf das große Unrecht lenken, das seinen Verwandten angetan wurde und so mit dazu beitragen, dass Sobibor nicht in Vergessenheit gerät.

"Die Schoa hat mein ganzes Leben geprägt", sagt Ellen van der Spiegel Cohen (67). Als einjähriges Baby wurde sie 1943 vom studentischen Widerstand angeblich als Findlingskind einem kinderlosen Ehepaar vor die Tür gelegt, bei dem sie dann christlich erzogen wurde. Nach dem Krieg leidet sie unter schmerzlicher Verwirrung, als sie entdeckt, wer sie eigentlich ist. Zwei Schwestern ihrer Mutter, die einzigen Verwandten, die die Schoa überlebten, dürfen sie laut richterlichem Beschluß nicht in ihre Familien aufnehmen. Sie bleibt bei ihren Pflegeeltern, lebt dort mit dem unausgesprochenen Geheimnis ihrer doppelten Identität. Der Richter hat entschieden, sie soll "zum Teil" jüdisch erzogen werden. Samstags geht sie in die Synagoge zum jüdischen Religionsunterricht und am nächsten Tag in den christlichen Kindergottesdienst. Sie erzählt davon, wie wichtig es ihr war 2007 in Sobibor an der Gedenkallee bei einem kleinen frisch gepflanzten Baum einen Stein für ihre ermordeten Eltern zu legen. Auf dem Stein ein Gedicht von ihr:

Soviel Schmerz Wie ein Stein In unserem Herzen Soviel Liebe Wie ein Baum Bis in den Wolken

Auch Leon Vieyra (67) war erst ein Jahr alt, als sein Vater in Sobibor ermordet wurde. "Nach langer Überlegung und trotz heftiger Emotionen und Wut, die dieser Prozess bei mir auslöst, habe ich mich dazu entschieden, im Namen der Schatten von 74 meiner ermordeten Verwandten, mich als Nebenkläger anzumelden." Einmal schon bin ich von anderen gezwungen worden, mich zu verstecken; wenn ich jetzt nicht Nebenkläger wäre, hätte ich das Gefühl, freiwillig unterzutauchen." Vieyra geht auch nach München, damit er sieht, ob Demjanjuk noch etwas Menschliches aufzuzeigen hat. Er hofft auf ein bisschen Ruhe, das ein Demjanjuk, der vor Gericht steht, ihm - wenn auch erst nach so langer Zeit - bringen wird.

Rudi Westerveld (67) erwähnt "die schreckliche persönliche Familienkatastrophe." Seine Eltern, sein Großvater und sein Urgroßvater und drei Tanten "und noch viel mehr Verwandte" wurden in Sobibor ermordet, als er ein sechs Monate altes Baby war. Er wird als Nebenkläger dem Prozess beiwohnen: "Das ist ja das mindeste, was ich machen kann, damit ich diese Verbrechen nochmal anprangere."

"Ich lebe auch jetzt noch tagtäglich mit den von Mörderhand verursachten Schmerzen, was mein Leben ständig beeinflusst," sagt der 86-jährige Philip Jacobs. Er vertritt während des Prozesses seine beiden in Sobibor ermordeten Eltern. Dem fügt er in einem knappen Satz hinzu: "Meine Geliebte Ruth Eva Asch wurde ebenfalls am 23.7.1943 in Sobibor ermordet." Der Prozess bietet die letzte Gelegenheit, ihrer in der Öffentlichkeit zu gedenken und die Mörder anzuklagen.

Als die Eltern von Max Degen (67) März 1943 ins Durchgangslager Westerbork deportiert wurden, hatten ein Onkel und seine nicht-jüdische deutsche Frau das Baby schon bei sich aufgenommen. Als Baby Max durch Verrat bei seinen Pflegeeltern entdeckt wird, sind seine Eltern und sein dreijähriger Bruder bereits in Sobibor vergast. Max wird abgeführt in die Jüdische Kinderkrippe gegenüber von der Hollandsche Schouwburg, dem Theatergebäude von wo die Besatzer die Juden in die Lager deportieren. Helfer vom Widerstand konnten Max in einem Koffer aus der Jüdischen Krippe heraus schmuggeln und als kleiner Untertaucher überlebt er Besatzungszeit und Deportationen. "Der Mord an meiner Familie beherrscht mein ganzes Leben, dies ist das Letzte was ich in ihrem Namen noch machen kann." Deshalb will er dem Prozess beiwohnen. "Auch damit wir [die Nebenkläger] einander unterstützen und um Demjanjuk in die Augen zu sehen."

Marcus de Groot (70), dessen Eltern in Sobibor ermordet wurden, als er drei Jahre alt war, fasst eigentlich für alle Nebenkläger zusammen, welche Aspekte seines Lebens für den Prozess von Bedeutung sind: "Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an die Schoa denke."


Die Porträts der niederländischen Nebenkläger wurden dem Pressefaltblatt der Stiftung Sobibór entnommen. Stichting Sobibor, Amsterdam November 2009

Text der Gruppenporträts: Jeannette Klusman

Kontakt: press@stichtingsobibor.nl




Porträts der Nebenkläger aus den USA



Aleida Keesing, geboren 1918, lebt heute in den USA, State New York. Frau Keesing emigrierte mit ihrem Ehemann sechs Wochen vor dem Einmarsch der Deutschen in die Niederlande in die USA. Die Versuche, die Eltern und den Bruder zu retten, scheiterten: Sie wurden Sommer 1943 nach Sobibór gebracht und dort ermordet. Aleida Keesing, die zusammen mit ihrem Mann aus einer ewigen Angst heraus ihren Kindern beigebracht hatte, die jüdische Identität niemals zu offenbaren, entschloss sich zur Nebenklage: "Die Menschen sollen nicht vergessen, was in Sobibór passiert ist", sagt sie. ,,Wenn ich dabei helfen kann, indem ich für meine Eltern und meinen Bruder als Nebenklägerin auftrete, dann will ich das tun".

Ralph Erman, geboren 1923, lebt heute in New York City. Ralph Erman wuchs als ältester von vier Söhnen des Fabrikanten Alfred Erman in Wittlich/Rheinland-Pfalz auf. Die Familie flieht vor dem grassierenden Antisemitismus nach der Pogromnacht 1938 in die Niederlande und versteckt sich dort ab 1942 an getrennten Orten. Es gelingt Ralph Erman mit Hilfe des niederländischen Untergrunds, in wechselnden Verstecken zu überleben. Nach dem Krieg warten die vier Brüder in dem alten Haus vergebens auf ihre Eltern und wandern dann in die USA aus. Die Eltern waren verraten und im Frühjahr 1943 nach Sobibór transportiert worden, wo sie ermordet wurden, was Ralph Ermann erst Jahre später erfährt. Er wolle nicht nach München zum Verfahren gegen Demjanjuk kommen, sagt Ralph Erman, "das muss ich mir nicht mehr antun". Aber der Prozess gegen Demjanjuk solle auch in seinem Namen geführt werden.

Geertruida Zeehandelaar-Beffie, geboren 1922, lebt heute in den USA, State New York. Den Eltern von Geertruida Zeehandelaar-Beffie gelingt es mit viel Geld zu erreichen, dass die Tochter von der Gestapo im Herbst 1941 als Begleiterin von drei kleinen Kindern über Paris nach Südwest-Frankreich reisen darf. Ihr gelingt die Flucht nach Spanien und von dort nach Kuba, später in die USA. Der Bruder und weitere Familienmitglieder wurden im Juli 1943 in Sobibór ermordet, ihr Vater und ihre Mutter an einem anderen, Geertruida Zeehandelaar-Beffie nicht bekannten Ort. Sie ist Nebenklägerin, "weil ich es meinem Bruder schulde."

Symcha Bialowicz, geboren 1912, lebt heute in Israel. Symcha Bialowicz wurde im April 1943 von Izbica, Polen, nach Sobibór deportiert. Vater, Mutter und Schwester werden in Sobibór ermordet, Symcha Bialowicz gelingt es zusammen mit seinem Bruder Philip, bei dem Aufstand vom 14. Oktober 1943 zu entkommen, und er ist einer der wenigen Überlebenden von Sobibór. Er kann aus Gesundheitsgründen nicht nach München kommen. Sein Bruder Philip nimmt als Nebenkläger und als Zeuge am Prozess teil.

Martin Hass, geboren 1936, lebt heute in San Diego, California. Martin Haas wächst mit seinen drei Geschwistern in der Kleinstadt Breda in den Niederlanden auf. Zuerst verliert er seinen Vater, der ,,zum Arbeitseinsatz" nach Deutschland gebracht wird und im Februar 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Im Oktober 1942 kommt die Anordnung, dass sich seine Mutter mit den vier Kindern zum Transport nach Westerbork in das Internierungslager einfinden soll. In der Nacht zuvor werden der fünfjährige Martin und seine sechsjährige Schwester aus dem Haus geschmuggelt und bei zwei katholischen Familien versteckt. Er erinnert die letzten Worte seiner Mutter: "Niemand darf merken, dass Du ein jüdischer Junge bist." Er verspricht ihr das: "Für die nächste Zeit werde ich das einfach vergessen." Nach dem Krieg sagt ihm seine "neue" Mutter, er müsse jetzt zu seinen Leuten, seiner jüdischen Familie, zurück. Der Achtjährige, der erst Jahre später erfährt, dass fast die gesamte Familie, darunter seine Mutter und seine beiden Geschwister, in Sobibór ermordet worden war, soll bei verschiedenen Adoptiv-Familien untergebracht werden, bis ihn ein entfernter Verwandter findet und aufnimmt. Martin Haas wird zum Prozess nach München kommen.

Jack Polak, geboren 1912, lebt heute in den USA, State New York. Jack Polak ist der Direktor der Schule im Internierungslager Westerbork, als er im Sommer 1943 seinen beiden Eltern hilft, den Zug nach Sobibór zu besteigen. Er glaubt, er wird sie nach dem Krieg wiedersehen. Zwei Tage später kommen die Papiere an, die verhindert hätten, dass die Eltern nach Sobibór transportiert wurden. Wer diese Papiere hat, wird in das Konzentrationslager Bergen-Belsen geschickt und ist für den Austausch mit deutschen Gefangenen in Palästina vorgesehen. Jack Polka lässt die Papiere auf sich, seine Ehefrau und seine Schwester umschreiben. Im Februar 1944 wird er nach Bergen-Belsen transportiert, am 9. April 1945 in einen Viehwagon gesteckt. Er wiegt bei der Befreiung durch die Sowjetarmee 14 Tage später gerade noch 70 Pfund. Jack Polak hat mit seiner zweiten Frau Ina ein Buch mit dem Titel "Steal a pencil for me" geschrieben, das auch verfilmt wurde. Es enthält im Wesentlichen die Liebesbriefe, die sich Jack und Ina in Westerbork und in Bergen-Belsen geschrieben haben und schildert das Leben in den Lagern. Jack Polak widmet seit Jahrzehnten einen großen Teil seines Lebens der Aufklärung über den Holocaust und den Lehren, die daraus zu ziehen sind. Für seine Arbeit ist er vielfach geehrt worden. Er war er einer der sechs Überlebenden des Holocaust, die am 27. Januar 2006 vor der Versammlung der Vereinten Nationen am Internationalen Tag der Erinnerung an die sechs Millionen jüdischen Opfer des Holocausts mehrere Artikel aus der Deklaration der Menschenrechte verlesen hat. "Jeder muß sich seiner Verantwortung stellen, egal wie alt er ist," sagt der 96-jährige Jack Polak.


Die vorstehenden Porträts der Nebenkläger aus den USA wurden den Informationen der Anwälte der Nebenkläger auf der für den Prozess eingerichteten Website www.nebenklage-sobibor.de entnommen.




Porträt des Nebenklägers Thomas Blatt



Thomas Blatt ist einer der knapp 50 Überlebenden des Aufstandes im Vernichtungslager Sobibór. Geboren 1927 im jüdischen Schtetl Izbica wird er mit 15 Jahren zusammen mit seiner Familie ins Vernichtungslager Sobibór deportiert. Mutter, Vater und Bruder sterben in der Gaskammer. Er selbst wird als "Friseur" und später zum Sortieren der Kleider eingeteilt. Am 14.Oktober 1943 beteiligt er sich an der Revolte im Lager. Zusammen mit knapp 300 Häftlingen kann er fliehen. Mit drei Kameraden sucht er zunächst Schutz in den umliegenden Wäldern, dann bitten sie einen Bauern um Unterschlupf. Erst versteckt dieser sie in seiner Scheune. Wochen später versucht der Bauer jedoch, alle drei zu ermorden. Einer stirbt. Thomas Blatt selbst wird von einer Pistolenkugel in den Kiefer getroffen. Weil er sich tot stellt, gelingt es ihm, mit dem ebenfalls nur verletzten Freund zu entkommen. Nach weiteren lebensgefährlichen Situationen wird Blatt schließlich von einer Partisanengruppe aufgenommen. Als 1944 Polen von der Roten Armee befreit wird, entschließt sich Thomas Blatt, im Land zu bleiben. 1959 emigriert er in die USA.

Doch Sobibór lässt ihn nicht mehr los. In den 70er-Jahren besucht er die Überlebenden des Aufstandes. In der damaligen Sowjetunion trifft er den Anführer der Revolte, Sasha Petschersky. 1983 fliegt er nach Deutschland, um den Prozess gegen seinen Peiniger in Sobibór, den SS-Mann Karl Frenzel, zu beobachten. Ein Freund überredet ihn zu einem Treffen mit dem SS-Mann. Das Interview, das er zusammen mit seiner damaligen Frau Dena führt, wird vom Stern-Magazin unter dem Titel "Der Zeuge und sein Mörder" veröffentlicht.

Mehrmals im Jahr reist er nach Polen. Er besucht sein altes Heimatdorf und Sobibór. Seit den 60er-Jahren gab es dort nur eine riesige Skulptur und einen Gedenkstein mit geschichtsklitternder Inschrift: 250.000 Russen und - darunter, in dünnerer Schrift - Juden, Polen und Zigeuner seien in Sobibór umgekommen. Auf dem ehemaligen Lagergelände befindet sich zu dieser Zeit ein Kindergarten mit Spielplatz. Seine Forderungen nach einer Korrektur der Gedenkinschriften stoßen in Polen zunächst auf taube Ohren. Um seinem Ansinnen mehr Gewicht zu verleihen, gründet er 1987 das "Holocaust Sites Preservation Comitee" und gewinnt neben Jane Fonda und dem Gouverneur von Kalifornien auch mehrere US-Senatoren für seine Idee. Sieben Jahre und drei polnische Regierungen später hat er Erfolg: Der Kindergarten wird geschlossen, die Räume werden in ein provisorisches Museum umgewandelt. Die Gedenktafeln mit den falschen Inschriften werden entfernt und neue, mehrsprachige Tafeln aufgestellt. Heute heißt es dort richtig, dass in Sobibór 250.000 Juden und 1000 Polen ermordet wurden.

Bis heute ist Thomas Blatt als Vortragsreisender in den USA und Europa unterwegs. Zwei Bücher sind erschienen: "Nur die Schatten bleiben" (auf deutsch), "Revolt in Sobibór" wird gerade übersetzt. 1987 kam "Escape from Sobibór" mit Rutger Hauer in der Hauptrolle in die US-Kinos. Während der Dreharbeiten berieten Thomas Blatt und zwei andere Überlebenden des Sobibór-Aufstandes, Stanislaw Szmajzner und Esther Terner-Raab, den Regisseur. Interessant ist auch Tom Blatts eigener kleiner Dokumentarfilm. Darin konfrontiert er die Bürger seines Geburtsortes Izbica mit der Vergangenheit, ihrer Kollaboration mit den Deutschen und ihrem Antisemitismus.


Das Porträt von Thomas Blatt ist der Website des Bildungswerks Stanislaw Hantz e.V. in Kassel entnommen. Dort finden sich weitere interessante Informationen zu Sobibór, aber auch zu den Vernichtungslagern in Belzec und Treblinka: http://www.bildungswerk-ks.de/zeitzeuginnen-zeitzeugen-und-referenten/thomas-blatt



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